Vom Jäger und Sammler // Der Fluch der Taschen

Jäger und Sammler

Als ich die frisch gewaschene Kinderjacke zum Trocknen aufhing, wog sie schwer. Ungewohnt schwer.

Ich untersuchte sie auf eventuell vorhandene Socken in den Ärmeln und drehte die Kapuze einmal auf die linke Seite, wurde aber nicht fündig.

Als ich die Taschen befühlte, ergab sich des Rätsels Lösung. Irgendwas steckte in den Taschen.

Sammler im Glück

Aufstöhnend öffnete ich den Reißverschluss und rechnete mit allem: Steine, Moospolster, vielleicht ein verkommener Apfel, uralte Bonbons, ein abgeranzter Flummi oder womöglich sogar ein mumifziertes Tier.

Puh, das war gerade nochmal gut gegangen. Ein paar verschrumpelte Kastanien, die neben dem Waschvorgang noch ein paar Monate Frischluft und Witterung auf dem Buckel hatten, kullerten mir entgegen.

Die waren definitiv zu nichts mehr zu gebrauchen, stellte ich fest. Zögernd legte ich sie ins Badregal.

Einfach wegwerfen wollte ich sie nicht; sie wurden von meinem Kind liebevoll aufgelesen und eingesteckt.

Aber seine Fundstücke sind omnipräsent, und das ist noch freundlich formuliert.

Denn mein Sohn ist ein Jäger und Sammler.

Nichts entgeht seinem scharfen Auge. Er kann alles gebrauchen.

Kartons

Über Monate schleppte er leere Kartons, welche die Mutter eines KiTa-Kindes in die Einrichtung zwecks Verbasteln gebracht hatte, nach Hause. Hier bevölkerten sie angemalt und mit Krimskrams reich gefüllt das Draußenkindsche Zimmer.

Wie oft war ich verleitet, sie mal eben in die Altpapiersammlung zu werfen. Jegliche Vorschläge zum Aussortieren und Entsorgen wurden mit Protest seitens des Kindes quittiert: „Aber ich brauche das, Mama!“

Mal war der Karton ein selbstgebauter Laptop, dann das Zuhause für Playmobil-Püppchen, manchmal eine Schatzkiste.

Die Frau, welche für neuen Kartonnachschub sorgte, war bald nicht mehr die Mutter von XY, sondern nur noch auf ihren Status als unerschöpfliche Kistenfee reduziert.

Als wir sie auf einem KiTa-Fest sahen, rief das Draußenkind: „Da ist ja die Frau mit den Kartons!“ Der Quell der Bastelfreude sozusagen, das Objekt der Begierde.

Als ich der besagten Mutter von dem Bastel- und Verwahrehrgeiz meines Sohnes in Sachen Kartons erzählte, strahlten ihre Augen: „Oh, kannst du mir mal Fotos von den Bauwerken schicken? Ich finde es schön, wenn ich dann mal sehe, was daraus geworden ist.“

Oha, diese Allianz Draußenkind – Kartonmutter schien fest miteinander verwoben. Wohl unzertrennlich.

Werbegeschenke

Nächstes Kapitel: Vor ein paar Wochen war ich mit dem Draußenkind bei der Eröffnung eines Einkaufszentrums.

Die dort ansässigen Shopinhaber hatten viel Geld in ihre Außenwirkung investiert. Sie lotsten die potenzielle Kundschaft mit reichlich Werbegeschenken und Gewinnspielen in ihre Läden. Das Draußenkind war glückselig.

Ein schier unerschöpflicher Basar ganz nach seinem Geschmack.

Dabei interessierten ihn Süßigkeiten wie Bonbons mit Aufdruck der Apotheke XYZ nur sekundär. Viel spannender war der Hauptpreis einer Bankfiliale: Eine nicht ganz so schöne Tasche in Grau-Orange, natürlich mit fettem Aufdruck des Kreditinstituts.

Der Clou war, dass das Draußenkind den Hauptpreis gewann. Ich gönnte ihm sein Spielerglück voll und ganz, obwohl ich doch schon ein klein wenig schlucken musste, als das zig Runden ratternde Glücksrad mit gefühlt 80 Feldern ausgerechnet den Hauptgewinn anzeigte.

Meinen verzweifelten Gesichtsausdruck deutete die Glücksradfrau offensichtlich fehl, obwohl die Frage an sich gar nicht verkehrt war.

„Das ist ja eher was für die Mama, oder?“, intervenierte die nette Dame. „Willst du lieber das Spielzeug haben?“

Das Kind entrüstete sich, dass es natürlich nur mit dieser Tasche glücklich werden könnte, immerhin könnte man mit der Postbote, Pilot, Gärtner, Brieftaube, Verkäufer, Büro, Arzt, Känguru, Erzieher, Polizist, Räuber, Kunde, Kurier, weiß der Geier was spielen.

„Ist schon ok.“, winkte ich seufzend ab und ergab mich in mein Schicksal.

Sammelsurium

Mit zwei Schlüsselbändern („Die brauche ich, wenn ich Kindergarten spiele!“), der bereits erwähnten Tasche, drei Kugelschreibern („Die brauche ich, wenn ich Schule spiele!“), einem Gutschein für eine Flatrate-Vergünstigung („Den brauche ich, wenn ich Verkäufer spiele!“) und mehreren unaufgeblasenen Luftballons samt Werbeaufdruck für einen Immobilienmakler („Die brauche ich, wenn ich Kindergeburtstag spiele!“) verließen wir das Gelände.

Ich beladen wie ein Packesel; das Draußenkind fröhlich singend und seine Schätze aufzählend. Mit einem Helium-gefüllten Ballon in der Hand, den der Name des Optikergeschäfts zierte. Weil: „Den kann ich gebrauchen, wenn ich Augenarzt spiele!“

Holz vor der Hüttn

Im buchstäblichen Sinne haben wir reichlich Holz vor der Hüttn.

Wir leben ländlich, mit vielen Bäumen und einem ausgedehnten Waldgebiet um unseren Heimatort.

Jeder Survivalmensch würde sich freuen, dürfte er einen Blick auf unseren Balkon werfen: Stöcke in allen Dicken, Breiten und Längen türmen sich dort.

Kaminbesitzer, aufgepasst – Ihr müsst nicht frieren, denn bei uns lagern halbe Wälder.

Das Draußenkind liebt nämlich Holzstöcke in allen Schattierungen.

Ein loser Ast auf dem Boden? Knüppelfunde im Wald? Ab nach Hause damit!

Irgendwann wird ein Container vor dem Haus stehen und ein Entrümpelungsteam seinen Dienst in unserer Wohnung tun. Oder es nisten Eulen auf dem Balkon. Nicht, dass das Draußenkind etwas gegen Eulen auf dem Balkon hätte. 😉

Und dann?

Trotz dieser düsteren Prophezeiungen lasse ich die Flut der in meinen Augen unnützen Dinge zähneknirschend zu.

  • Weil ich mich freue, dass mein Kind eine reiche Fantasie hat und diese aktiv nutzt.
  • Weil es ihn glücklich macht.
  • Weil er sich auch über Kleinigkeiten freuen kann.
  • Weil er mit den einfachsten Dingen ewig lange spielen kann.

So hat der Jäger- und Sammlertrieb zwei Seiten.

Und sollte mein Kind wider Erwarten mal in der Wildnis verloren gehen, führt er ganz sicher etwas mit sich (McGyver lässt grüßen), womit er sich ernähren / nach Hause finden / auf sich aufmerksam machen kann.

Man kann ja nie wissen.

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2 Kommentare auf "Vom Jäger und Sammler // Der Fluch der Taschen"

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Sandra
Gast

Die Herzenstochter sammelt nur Steine, und die darf ich irgendwann entsorgen. Die Sammelleidenschaft des Draußenkindes kli gt aber sehr sympathisch, und dein liebevoller Umgang damit erst recht 💓

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